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Das offene Ende…

René Caruso Graf

René Caruso Graf

Wer Inception gesehen hat, der hat sich sicherlich am Ende auch die Frage gestellt: Fällt dieser Kreisel noch um oder dreht er weiter? Befinden wir uns noch immer in einem Traum, oder befinden wir uns bereits wieder in der Realität? Ehrlich gesagt, ich liebe gute Filme und besonders mag ich Filme mit einem offenen Ende, denn gerade solche regen uns dazu an, nachzudenken, weiter zu denken und in vielen Fällen auch, darüber zu auszutauschen und zu diskutieren. Über dieses offene Ende von Inception wurden schon viele Artikel geschrieben.

Der verlorene und wiedergefundene Sohn

Doch auch Jesus beherrscht diese Kunst des offenen Endes, das wurde mir besonders bei diesem Gleichnis vom verlorernen und wiedergefundenen Sohn klar. Nachzulesen ist die Geschichte in Lukas Kapitel 15.

Am Ende kommt es zu einer merkwürdigen Situation. Da betritt dieser ältere Sohn wieder die Szene und er ist mit seinem Vater überhaupt nicht einverstanden. Er wird zornig und er will gar nicht erst ins Haus gehen. Er will nicht zu diesem Fest. Sein groll ist gross und er begründet diesen wie folgt:

So viele Jahre diene ich dir jetzt schon und habe mich nie deinen Anordnungen widersetzt. Und doch hast du mir nie auch nur einen Ziegenbock gegeben, sodass ich mit meinen Freunden hätte feiern können! Und nun kommt dieser Mensch da zurück, dein Sohn, der dein Vermögen mit Huren durchgebracht hat, und du lässt das Mastkalb für ihn schlachten!

Schon krass, er nennt seinen Bruder nicht mal mehr «mein Bruder», sondern «dieser Mensch, dein Sohn». Er distanziert sich völlig von seinem Bruder, während sein Vater seinem Sohn mit offenen Armen entgegen ging.

Doch der Vater hat seinem älteren Sohn etwas wichtiges zu sagen:

Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mir gehört, gehört auch dir. Aber jetzt mussten wir doch feiern und uns freuen; denn dieser hier, dein Bruder, war tot, und nun lebt er wieder; er war verloren, und nun ist er wiedergefunden.

Er stellt klar, dieser Mensch ist in Wirklichkeit dein Bruder und jetzt, wo er wieder bei uns ist, da müssen wir uns doch freuen. Doch bei diesen Worten bleibt es. Wir haben es mit einem offenen Ende zu tun. Wir wissen nicht, wie sich dieser ältere Sohn entscheidet. Geht er zum Fest? Geht er trotzig in sein Zimmer? Geht er zurück zu seiner Arbeit? Verlässt nun er seinen Vater, weil er so sehr von ihm endtäuscht ist? Wir wissen es schlichtweg nicht. Doch hier liegt der Schlüssel in dieser Geschichte.

Man mag sich ja fragen, warum reagiert dieser ältere Sohn in dieser Geschichte überhaupt so? Das wird klar, wenn wir an den Anfang des Kapitels zurück gehen. Dort steht:

Jesus war ständig umgeben von Zolleinnehmern und anderen Leuten, die als Sünder galten; sie wollten ihn alle hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten waren darüber empört. »Dieser Mensch gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen!«, sagten sie.

Dieser ältere Sohn zielt also von Jesus genau auf die Haltung der damaligen Pharisäer und Schriftgelehrten ab, die sich nicht darüber freuen konnten, wenn Jesus mit diesen Menschen, die in ihren Augen als Sünder galten, Gemeinschaft pflegten.

Doch Jesus verurteilt sie nicht automatisch. Er erzählt ihnen darauf drei Gleichnisse und immer geht es um das Verlorene, das wieder gefunden wird:

  1. Das verlorene und wiedergefundene Schaf
  2. Die verlorene und wiedergefundene Münze
  3. Der verlorene und wiedergefundene Sohne

Dabei betont Jesus jedes mal die unfassbar grosse Freude, die damit verbunden ist:

  1. Die Freude des Hirten über das eine Schaf, das er wieder in seinen Armen hält
  2. Die Freude der Frau über diese Münze und wie sie alle Kolleginnen darauf einlädt
  3. Die Freude des Vaters über seinen Sohn, der zurückgekehrt ist

Die Liebe hat ein offenes Ende

Dass nun Jesus das Ende der Geschichte offen lässt, das beeindruckt mich. Er sagt den Zuhöhrern nicht, wie sich dieser ältere Sohn entschieden hat. Er lässt den Zuhöhrern die Geschichte offen. Sie selbst sollten darüber nachdenken, wie ich lange beim Film Inception darüber nachgedacht habe, wie die Geschichte wohl Enden würde. Sie selbst dürfen das Ende der Geschichte schreiben. Diese Geschichte hat mit ihnen zu tun und Jesus gibt ihnen die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie ihre Geschichte endet. Er lädt sie ein auch zu diesem Fest zu kommen. Jesus bietet den Menschen seine Liebe an, doch er zwingt sie ihnen nicht auf.

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