Im Studium durften wir uns einmal mit der Frage beschäftigen, ob Gott einen Stein erschaffen könne, der so schwer wird, dass er ihn selbst nicht mehr stemmen könnte. Egal wie man diese Frage beantwortet – mit Ja oder Nein, in beiden Fällen wird die Allmacht Gottes in Frage gestellt. Entweder er kann keinen solchen Stein erschaffen oder er kann zwar diesen Stein erschaffen, kann ihn dann aber nicht stemmen. Ein ziemliches Dilemma.

Damals habe ich die Frage noch so beantwortet, dass Gott nichts macht, was seinem Wesen widerspricht. Wir können Gottes Allmacht nicht mit solchen Fragen aus der Welt schaffen, die in sich selbst einen Widerspruch erzeugen. Auch würde Gott ja auch nicht sündigen, weil er heilig und gerecht ist und dies ebenfalls seinem Wesen widersprechen würde. Frage erledigt, so dachte ich zumindest. Bis ich etliche Jahre später eine Sendung auf Bibel TV schaute, in welcher genau diese Frage aufgegriffen wurde. Zuerst dachte ich: Nein, nicht wieder diese Frage. Und doch schaute ich aus Interesse weiter, was diese Gesprächspartner zu dieser Frage sagen würden.

Zuerst haben sie ebenfalls wie ich damals gegen diese Frage Stellung bezogen und es wurden etliche Argumente für Gottes Allmacht ins Feld geführt: Das Volk Israel am Schilfmeer und wie Gott das Meer teilte, so dass ein Rettungsweg vor dem Heer der Ägypter entstand oder wie Gott zur Zeit Josuas die Sonne am Himmel stehen liess (oder müsste man eher sagen, dass die Erde aufgehört hat zu drehen?). So wurde Gott von den Gesprächspartnern verteidigt. Bis es dann im Verlauf des Gesprächs um den Tod von Jesus ging und eine Theologin anmerkte, dass hier dieses Bild mit dem Stein doch irgendwie stimmen würde. Sie begründete es so:

Hier haben wir diese Doppelheit: Jesus ist das Leben, er ist der welcher Leben schenkt, doch er geht in den Tod. Und das ist ihm viel zu schwer. Das sehen wir im Gespräch mit seinem Vater im Garten Gethsemane, als er sich wünscht, dieser bittere Kelch möge an ihm vorübergehen und letztlich am Kreuz, als er sprach: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Es ist wie mit diesem Stein: Die Erlösung ist Gottes Werk und doch ist die Erlösung ihm zu schwer.

Dieser Gedanke kam überraschend, auch für die Theologin. Man merkte gleich, dass sie sich diese Worte nicht zuvor überlegt hatte, sie rang förmlich mit den Worten. Und dieser Gedanke kam auch für mich überraschend und brachte mich ins Nachdenken. Ja, wenn dieser Stein das Erlösungswerk selbst ist, dann stimmt dieses Bild wahrlich. Wie kann der, welcher das Leben selbst ist, in den Tod gehen? Wie kann der, der selbst Gott ist, von Gott verlassen sein? Wie kann der, der ohne Sünde ist, die Sünde der Menschen tragen?

Es kamen mir beim darüber nachdenken noch andere Stellen in den Sinn, welche dieses Bild ebenfalls unterstützten.

Jesus sagte einmal:

Aber vor mir steht eine Taufe, mit der ich noch getauft werden muss, und wie schwer ist mir das Herz, bis sie vollzogen ist!“ (Lukas 12,50)

Auch hier wird das zum Ausdruck gebracht, was diese Theologin sagte. Das Kreuz – und davon spricht hier Jesus eigentlich – ist ihm viel zu schwer. Es bekümmert sein Herz. Oder denken wir an das was Paulus über das Kreuz und über menschliche und göttliche Weisheit schreibt (1. Korinther 1,18-25):

Mit der Botschaft vom Kreuz ist es nämlich so: In den Augen derer, die verloren gehen, ist sie etwas völlig Unsinniges; für uns aber, die wir gerettet werden, ist sie ´der Inbegriff von` Gottes Kraft. Nicht umsonst heißt es in der Schrift: »Die Klugen werde ich an ihrer Klugheit scheitern lassen; die Weisheit derer, die als weise gelten, werde ich zunichte machen.«Wie steht es denn mit ihnen, den Klugen, den Gebildeten, den Vordenkern unserer Welt? Hat Gott die Klugheit dieser Welt nicht als Torheit entlarvt?

Und Paulus schliesst den ganzen Gedankengang mit den Worten ab, die ich einfach unglaublich finde.

Denn hinter dem scheinbar so widersinnigen Handeln Gottes steht eine Weisheit, die alle menschliche Weisheit übertrifft; Gottes vermeintliche Ohnmacht stellt alle menschliche Stärke in den Schatten.

Dass man sich überhaupt anmasst über die Ohnmacht Gottes zu schreiben. Ist Gott denn nicht allmächtig? Klar ist er das, er hat ja in der ganzen Schwachheit den grössten Sieg errungen. Doch geht es dabei eben nicht immer um die Allmacht, die im Vordergrund steht. Der Gekreuzigte wirkt hilflos, schwach, ohnmächtig und er wirkt nicht nur so, er ist es total.  Seine letzen Worte waren wahrscheinlich: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“, dann starb er. Der Plan Gottes scheint durchkreuzt zu sein. Für die Jünger bricht eine Welt zusammen. Sie hätten erwartet, dass er ein Machtwort spricht, dass die Herrschaft der Römer gebrochen wird. Nichts traf ein. Das Aufrichten seiner Herrschaft zeigt sich zuerst in aller Schwachheit. Was daraus resultierte ist das grösste Werk überhaupt und das stellt alle menschliche Stärke völlig in den Schatten.

Der letzte Satz in den Ausführungen dieser Theologin auf Bibel TV brachten es absolut auf den Punkt. Sie sagte:

Wenn Gott auf seine Allmacht verzichtet, dann tut er es um unsertwillen.

Das ist einfach genial. Einige Philosophen wollten hier wohl mal mit dieser Frage nach dem Stein, die Allmacht Gottes oder gar Gott selbst aus der Welt schaffen. Dabei haben sie wohl gar nicht erkannt, wie sie mit dieser Frage den Kern des Evangeliums treffen. Auch wenn bei der Erlösung durch Jesus auch die Allmacht Gottes mitschwingt, schliesslich gab Jesus sein Leben freiwillig her und er hatte auch die Macht es wieder zu empfangen (vgl. Johannes 10,18). Doch zuerst einmal basiert die eigentliche Tat auf der völligen Hingabe in aller Schwachheit. Jesus hatte nie eine Sünde begangen und litt am Kreuz wie ein Schwerverbrecher zu jener Zeit. Das alles tat er aus Liebe zu uns Menschen. Jesus verzichtet auf seine Allmacht, damit wir leben können.

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