Wer über längere Zeit verschuldet ist, lebt nicht nur mit einem finanziellen Problem. Oft ist es ein emotionaler, psychischer und sozialer Ausnahmezustand – ein Dauer-Überlebensmodus, in dem Menschen Strategien entwickeln, um irgendwie weiterzumachen. Diese Strategien sind auf kurze Sicht oft hilfreich – auf lange Sicht können sie jedoch die Situation verschärfen und die Zusammenarbeit mit Hilfsstellen erschweren.
Verdrängung als Schutzmechanismus
Viele Betroffene wissen irgendwann gar nicht mehr genau, wie hoch ihre Schulden sind. Das liegt nicht an mangelndem Interesse – sondern an einem natürlichen Schutzmechanismus. Die Realität ist zu überwältigend, zu schmerzhaft, zu beschämend. Also wird verdrängt:
- Briefe bleiben ungeöffnet
- Beträge werden geschätzt – oder absichtlich beschönigt
- Mahnungen verschwinden in Schubladen
- Der Kontakt zu Gläubigern wird komplett abgebrochen
Diese Form der Verdrängung ist keine „Böswilligkeit“. Sie ist oft die einzige Möglichkeit, mit dem inneren Druck überhaupt noch zu funktionieren. Denn wenn alles zu viel wird, schaltet der Mensch um: vom Denken ins Überleben.
„Durchmogeln“ als Alltagstaktik
In diesem Zustand entstehen Überlebensstrategien, die nach aussen wirken können wie Unzuverlässigkeit, Unehrlichkeit oder sogar Manipulation:
- Man gibt bei einer Beratungsstelle nicht alle Schulden an – weil man es schlicht nicht mehr weiss.
- Man beschönigt die finanzielle Lage gegenüber Angehörigen – um sie nicht zu belasten oder die Scham zu vermeiden.
- Man verspricht Rückrufe, zu denen es nie kommt – weil man sich selbst nicht mehr aufraffen kann.
Diese Taktiken sind oft nicht bewusst kalkuliert. Sie entstehen aus Hilflosigkeit. Doch sie haben reale Auswirkungen: Sie gefährden das Vertrauensverhältnis zu Fachstellen, verzögern Prozesse – und erschweren eine stabile Schuldenregulierung.
Die Herausforderung für Fachstellen
Fachpersonen in der Schuldenberatung stehen hier vor einem Dilemma: Sie sind auf die Mitarbeit der betroffenen Person angewiesen. Gleichzeitig sehen sie, dass diese Mitarbeit nicht immer ehrlich, vollständig oder konstant ist.
Was helfen kann:
Traumasensibles Arbeiten
Erkennen, dass Verdrängung nicht Willkür, sondern ein psychischer Schutz ist. Das heisst: weniger Druck, mehr Stabilität, klare Strukturen und Grenzen – und vor allem: Geduld.
Beziehungsarbeit vor Sacharbeit
Vertrauen aufzubauen dauert – besonders bei Menschen, die sich oft abgelehnt oder stigmatisiert fühlen. Erst wenn eine stabile Beziehung da ist, kann auch die Sacharbeit wirklich greifen.
Mit kleinen Schritten beginnen
Nicht gleich die komplette Schuldensituation aufarbeiten, sondern mit kleinen, überschaubaren Aufgaben beginnen: ein Kontoauszug, eine Gläubigerliste, eine Anfrage bezüglich zinsfreiem Darlehen führen …
Wiederholungen einplanen
Es kann sein, dass Dinge mehrmals besprochen oder abgefragt werden müssen. Das ist kein Zeichen von Unehrlichkeit – sondern Ausdruck einer überlasteten Wahrnehmung.
Was Betroffene wissen sollten
Wenn du selbst betroffen bist, gilt: Du musst nicht perfekt sein, um Hilfe anzunehmen. Du darfst durcheinander sein, müde, verzweifelt. Wichtig ist nur: Bleib im Kontakt. Auch wenn du etwas vergessen hast. Auch wenn du dich schämst. Auch wenn es dir peinlich ist.
Beratungsstellen sind dafür da, dich in deiner Situation zu begleiten und zu unterstützen – nicht, dich zu verurteilen. Je ehrlicher du dich zeigst, desto mehr Hilfe ist möglich.
Die Folge: Neue Schulden trotz gutem Willen
Für Betroffene bedeutet das: Während sie mit allen Kräften versuchen, ihre bestehenden Schulden zu tilgen, entstehen neue Steuerschulden – einfach, weil sie ihre laufenden Steuern nicht mehr bezahlen können. In vielen Fällen wird die Schuldenlast so nicht kleiner, sondern verlagert sich nur zeitlich.
„Man arbeitet, zahlt monatlich seinen Teil an die Gläubiger – und bekommt am Jahresende vom Steueramt einen dicken Bescheid. Und weiss: Das Geld dafür war schlicht nie eingeplant.“
Das ist demotivierend, psychisch belastend – und aus sozialpolitischer Sicht höchst problematisch.
Zwei-Klassen-System?
Noch gravierender: Für Personen mit Quellensteuer (z. B. ausländische Arbeitnehmende) werden die Steuern bei der Pfändung automatisch berücksichtigt – weil sie direkt vom Lohn abgezogen werden. Für alle anderen hingegen nicht. Das schafft eine massive Ungleichbehandlung, die rechtlich zwar gedeckt ist, aber moralisch mehr als fragwürdig.