sad moment Elementary Age Bullying in Schoolyard

Ein Vater in Ohio liess seine Tochter 8 Kilometer zur Schule spazieren. Er selbst fährt mit dem Vater hinter ihr her und kommentiert die Situation. Seine Tochter sei bereits zum zweiten Mal aus dem Schulbus verwiesen worden, weil sie eine andere Schülerin (bzw. einen anderen Schüler) gemobbt habe. Doch ist eine solche Strafe angemessen? Da gehen die Meinungen auseinander. Viele Kommentare sind positiv, andere negativ. Matt Cox, wie dieser Vater heisst, sagt selbst zur Aktion:

«Ich weiss, dass viele von euch Eltern damit nicht einverstanden sein werden, und das ist in Ordnung. Ich tue, was ich für richtig halte, um meiner Tochter eine Lektion zu erteilen und sie vom Mobbing abzuhalten.»

Ich finde es positiv, dass er offen und ehrlich sagt, dass dies nicht jeder gutheissen muss. Er handelt, wie er es in dieser Situation für richtig hält. Was er tut soll also nicht allgemeinverbindlich sein. Persönlich bin ich jedoch skeptisch, was diese Aktion betrifft und versuche hier auf Pro und Kontra einzugehen:

Positive Aspekte

Wirklich positiv finde ich, dass er seine Tochter liebt. Mit dem Schulbus zur Schule fahren zu dürfen sei ein Privileg und nicht selbstverständlich. Mobbing sei allerdings nicht Okay. Die Massnahme scheint zudem in dieser Situation erste Früchte gebracht zu haben, als Update schrieb er:

Lektion gelernt! alle ihre Gliedmaßen sind intakt, sie ist glücklich und gesund. Sie scheint eine neue Sichtauf Mobbing sowie eine neue Wertschätzung für einige der einfachen Dinge im Leben zu haben, die sie für selbstverständlich hielt.

Daher ist es sicher gut gegangen mit dieser Massnahme. Es ist bis zu dieser zweiten Stellungnahme jedoch eine kurze Zeit (zwei Wochen) vergangen und ob es nachhaltig sein wird, muss sich daher sicher noch zeigen. Doch als erstes Fazit kann man sicher sagen, dass es positiv ist, dass seine Tochter gelernt hat einfache Dinge zu schätzen, die sie als selbstverständlich erachtete und eine neue Sicht auf Mobbing bekommen hat.

Positv zu erwähnen ist zudem, dass dieser Vater seine Aufsichtspflicht nicht vernachlässigt. Er lässt sie nicht einfach alleine den Weg von acht Kilometern in die Schule gehen.

Fragwürdige Aspekte

Dann gibt es für mich auch Aspekte, die sind für mich bei dieser Aktion eher fragwürdig:

  • Mobbing ist auf soziale Ausgrenzung hin angelegt. Das Machtverhältnis ist dabei unausgeglichen. Das Opfer ist dem oder der Täter deutlich unterlegen und kann sich nicht oder nur beschränkt zur Wehr setzen. Gerade eine solche Bestrafung kann auch eine Überlegenheit zum Ausdruck bringen und daher bin ich da persönlich eher vorsichtig. Zugute halten muss ich dem Vater allerdings, dass er diese zwei Punkte mit seiner Tochter thematisiert hatte: Mit dem Schulbus zur Schule fahren zu können ist ein Privileg und Mobbing ist nicht okay. Es geht also nicht nur um die Strafe und die damit verbundene Lektion, sondern auch um den Dialog.
  • Ich kenne den genauen Sachverhalt nicht, doch manchmal sprechen wir von Mobbing, wo eigentlich kein effektiver Mobbing-Fall vorliegt. Auch in diesem Fall bin ich mir unsicher, ob es sich wirklich um gezieltes Mobbing handelt oder ob einfach ein Konflikt vorgelegen hat, der etwas ausgeartet ist. Wir leben in einer Zeit in der Mobbing ein grosses Thema ist, doch wir geraten hier auch in die Gefahr gar vorschnell uns auf Mobbing zu fixieren. Das Thema muss sicher zur Sprache kommen, wenn Mobbing vorliegt. Doch wenn es auf die andere Seite kippt und wir aus jeder verfahrenen Situation ein Mobbing-Fall machen, kann das auch dazu führen, dass wir das Thema dann weniger ernst nehmen, wenn wirklich ein solcher Fall vorliegt.
  • Einzelnen Akteuren (Tätern) zu zeigen, dass Mobbing ein absolutes No-Go ist und dabei aufzuzeigen welche Auswikungen Mobbing hat, ist sicherlich legitim. Doch das ist nur ein Teil der ganzen Sache. Mobbing hat viel mit der Gruppendynamik zu tun und es genügt eben nicht nur einzelne Akteure zu stoppen. Damit löst man nur begrenzt das Problem. Je nach Situation muss die ganze Gruppe miteinbezogen werden, um die Situation für das (bzw. die) Opfer generell zu entschärfen.

Weitere Überlegungen zum Thema Mobbing

Wann liegt Mobbing vor?

Zuerst müssen wir mal klären, wann überhaupt ein Fall von Mobbing vorliegt oder ob es sonst ein Konflikt ist. Folgende Punkte müssen beim Mobbing erfüllt sein:

  1. Ein Konflikt hat sich verfestigt
  2. Die angegriffene Person (selten mehrere) ist unterlegen.
  3. Die Angriffe sind systematisch und häufig (bspw. wöchentlich, mehrmals die Woche).
  4. Die Angriffe gehen über längere Zeit (3-4 Monate oder länger).
  5. Die gemobbte Person hat kaum die Möglichkeit, aus eigener Kraft der Situation zu entkommen.
  6. Das „Ziel“ der Angriffe ist der Ausschluss aus dem Arbeitsteam oder der Klassengemeinschaft (soziale Ausgrenzung).

Sind diese sechs Punkte nicht erfüllt, so kann man noch nicht von Mobbing sprechen. Bei Streitigkeiten unter Schülerinnen und Schülern, die einige Wochen andauern, kann also noch nicht von Mobbing gesprochen werden. Genauso wenig liegt Mobbing vor, wenn ein Kind Mühe hat Anschluss zu finden, aber von den anderen in Ruhe gelassen wird.

Das heisst natürlich nicht, dass nicht auch ein Konflikt geklärt werden muss, oder wir uns bemühen sollen, dass gerade neue Kinder in die Gruppe integriert werden und Anschluss finden.

Wie kommt es zu Mobbing?

Mobbing entsteht:
  • wenn in Klassen, Schulen oder am Arbeitsplatz das soziale Klima von Misstrauen, Auseinandersetzungen und Machtkämpfen geprägt ist.
  • wenn keine Regeln für einen respektvollen Umgang miteinander bestehen oder vorhandene Regeln nicht konsequent durchgesetzt werden.
  • wenn auf Konflikte mit Schuldzuweisung statt lösungsorientiert reagiert wird.
  • wenn nicht geklärt ist, wer Grenzen setzt und bei Übertretungen eingreift.
  • wenn emotionale Unterstützung bei den Opfern und den Tätern fehlt.
Mobbing kann auch durch problematische persönliche Haltungen von Täterinnen/Tätern beeinflusst sein:
  • Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Neid
  • Hang zu Ausgrenzung und Machtausübung oder Machtmissbrauch
  • Suche nach Sündenböcken bei eigenem Versagen
  • Neigung zum Missbrauch eigener Macht/Stärke.

Mobbing ist ansteckend

Ein wichtiger Aspekt, der auch nicht ausser Acht gelassen werden kann, bezieht sich auf die Mitläufer. Das sind nicht jene, die in erster Linie die führende Rolle übernehmen, aber in der Sache mitziehen. Dadurch bekommen die Akteure zusätzlichen Support.

Das geschieht besonders wenn erste Übergriffe durch Täter/Täterinnen keine oder nur dieffuse Auswirkungen haben. Es wird das Signal vermittelt, als sei das Verhalten in Ordnung. Das wird als Sieg über das Opfer gefeiert, ohne dass es negative Folgen hatte.

Dadurch kann eine Dynamik in der Gruppe entstehen:

  • Man unternimmt alles, um nicht selber in die Aussenseiterrolle zu geraten oder gar Mobbing-Opfer zu werden.
  • Mobbing ist erlaubt, da offensichtlich niemand etwas unternimmt.
  • Das Bewusstsein für Unrecht schwindet.
  • Das Opfer ist ja selbst schuld (Warum verhält sich der / die auch so unmöglich!) und darf verletzt werden.

Die Zuschauer und Weggucker

Neben den Mitläufern gibt es auch immer wieder jene, die entweder nur zuschauen oder wegschauen ohne dabei selbst Einfluss zu nehmen. Sie kümmern sich weder um das Opfer, noch beziehen sie Stellung gegen die Täter und Mitläufer.

In den meisten Fällen ist der Anteil jener die nur zuschauen oder wegschauen, der grösste Teil der Gruppe. Es ist nur selten so, dass die Mehrheit zu den Akteuren und Mitläufern zählt.

Fazit: Ganzheitliche Lösungen anstreben

Will man Mobbing effektiv bekämpfen, muss man einen starken Fokus auf die Gruppendynamik legen. Dabei ist der Opferschutz genauso wichtig (in schweren Fällen von Mobbing muss man gar einen Schulwechsel in Betracht ziehen), wie es klare Auflagen gegenüber Tätern braucht (bis hin zum Verweis bei schweren Fällen). Doch wir müssen auch konkret bei den Mitläufern, den Zuschauern und Wegguckern ansetzen. Je mehr wir ins Boot der „Beschützer“ holen, desto eher können wir Mobbing bekämpfen. Denn gerade da wo viele Beschützer sind, da haben einzelne Akteure und Mitläufer einen viel geringeren Einfluss und Spielraum, sie stehen mehr und mehr auf verlorenem Posten. Es braucht hier ganzheitliche Lösungen.

Ich halte dazu fest: Die Gruppendynamik kann sich verändern und einzelne Personen können dabei andere Rollen einnehmen. Oft geschieht das auch, wenn neue Gruppenkonstellationen entstehen oder eine neue Person in die Gruppe kommt.

Ich möchte das an einem persönlichen Beispiel erläutern: In meiner Klasse war ich lange Zeit das Opfer von Mobbing, doch dann kam ein anderer Schüler in unsere Klasse. Er wurde von einigen fertig gemacht und ich wurde plötzlich zu einem Mitläufer. Rückblickend denke ich, dass ich versuchte dem ständigen Opfer-Dasein zu entkommen. Doch ich bin ehrlich gesagt auch etwas überrascht darüber, wie schnell es gehen kann, und man sich in einer völlig anderen Rolle vorfindet. Damals hatte ein Lehrer diese Veränderung bei mir beobachtet und mir ins Gewissen gesprochen. Er fand das gar nicht gut, dass gerade ich, der so viele negative Erfahrungen mit Mobbing machte, nun selbst zu einem Mittäter wurde. Seine Worte haben mich berührt, was dazu führte, dass ich mich in der Freizeit mit diesem Mitschüler verabredet hatte. Ich wollte nicht weiter diesem Muster verfallen.

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