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Die Erfahrungen gehen bachab

René Caruso Graf

René Caruso Graf

Stellt euch mal vor, ihr macht mit eurer Jungschar einen Lauf durch einen Bach. Es gibt dabei sicher das eine oder andere Hindernis. Die Teilnehmer werden dreckig, es ist frisch und feucht. Genau das richtige für einen warmen Sommertag.

Diese Programmidee habe ich am BESJ-Teamweekend gesehen. Die Jungscharen konnten dort ihre erpropten Programme ausstellen. Beim Durchlesen der Ausführungen habe ich dann aber doch etwas vermisst: Wo bleibt eigentlich die Reflexion? Hat diese Gruppe etwas in diese Richtung gemacht? Davon war auf diesen Flipchart-Blättern nichts zu finden.

Schade dachte ich mir. Diese ganzen Erfahrungen, die bei dieser Aktivität gemacht wurden, schienen bachab zu gehen.

Reflexion ist ein zentrales Element in der Erlebnispädagogik. An diesem Punkt sind wir in der Jungschar vielfach noch im Bereich der Animation. Wir animieren die Kinder zum Sport, wir animieren sie kreativ aktiv zu werden, wir animieren sie zum Kochen und zu vielen anderen Dingen. Wir haben unseren Spass und ich will diese Dinge sicher nicht in Frage stellen. Diese Erlebnisse sind wichtig und doch könnte man aus Aktivitäten noch so viel mehr gewinnen. Die grosse Frage ist, wie bringen wir nicht nur die Kinder, sondern auch ihre gemachten Erfahrungen aus diesem Bach hinaus?

Warum reflektieren wir?

Was nehmen unsere Teilnehmer und Teilnehmerinnen eigentlich mit? Diese Frage sollte uns beschäftigen. In vielen Jungscharen fragen wir uns bei der Vorbereitung von Andachten/Inputs genau das: Was können die Kinder von diesem Text her lernen? Doch stellen wir uns diese Frage auch bei einem Geländespiel? Stellen wir uns die Frage, wenn wir miteinander kochen, wenn wir miteinander basteln, etc.? Welchen pädagogischen Aspekt haben unsere Aktivitäten?

Wenn wir nochmals zu diesem Lauf durch den Bach zurück kommen, so haben die Teilnehmer viele unterschiedliche Erlebnisse gemacht. Über diese Erlebnisse sollte nun gesprochen werden. Dadurch rufen sich die Teilnehmer die Dinge wieder in Erinnerung und aus den Erlebnissen werden ihnen die gemachten Erfahrung bewusst. Diese Dinge können wir auch auf den Alltag transferieren. Wenn jemand bei diesem Lauf an Grenzen gestossen ist, etwas sehr viel Überwindung brauchte, so kann bspw. das Thema angeschnitten werden, wie wir mit Grenzen im Alltag umgehen können.

Das Ziel der Reflexion ist es:

  • Künftig bewusster zu handeln oder zu entscheiden
  • Dieselben Fehler nicht zu wiederholen, bzw. zu vermeiden
  • Sich den Stärken bewusst zu werden und diese bewusst einzusetzen
  • Unsere Schwächen zu kennen und an diesen zu arbeiten

Kreative Methoden nutzen / entwickeln

Reflexion muss nicht langweilig oder trocken sein. Man kann eine Reflexion sehr kreativ gestalten. Eine einfache Methode wäre es bspw. einen Eimer und einen Rucksack im Kreis durchzugeben. Beim Eimer sagen die Teilnehmer, welche Dinge sie wegwerfen. Beim Rucksack, welche Dinge sie für sich mitnehmen. Während eines Camps kann eine Wetterkarte aufgehängt werden, auf jener fortlaufend die einzelnen Programmpunkte aufgeschrieben werden. Die Teilnehmer können dann verschiedene Zeichen (Sonne, Regen, Schnee, etc.) zu den einzelnen Programmpunkten malen. Üblegt euch, mit welcher Methode ihr eine Aktivität reflektieren wollt und seid auch bereit eigene Methoden zu entwickeln.

Erfahrungen sind individuell

Bei der Reflexion ist wichtig zu beachten, dass die Erfahrungen sehr individuell sind. Der eine hat während des Programms viel Freude erlebt, weil er etwas erreicht hat. Zwei andere hatten einen Streit und sie haben daher ganz eine andere Erfahrung gemacht. Jemand stand in einer Situation am Rande der Panikzone und konnte nicht mehr weiter. Wie ist die Gruppe mit dieser Situation umgegangen? Die Reflexion sollte also immer sehr breit angelegt sein und nicht zu spezifisch. Es können natürlich spezifische Rückfragen gestellt werden, doch es genügt in der Regel nicht, nur einen Aspekt anzuschneiden, gerade weil die Erfahrungen sehr individuell sind, die gemacht wurden.

Lass es zu, dass Erfahrungen gemacht werden

Ein Rahmen zu vorzugeben, Spielregeln zu definieren, Grenzen zu setzen, ein Ziel vorzugeben, ist sehr wichtig. Doch danach kann sich der Gruppenleiter oder der Spielleiter zurücknehmen. Es muss nicht sein, dass wir ständig eingreifen. Auch bei kleineren Grenzüberschreitungen, solange wir diese verantworten können, muss nicht eingegriffen werden. Auch aus diesen Situationen können einzelne Teilnehmer oder die ganze Gruppe viele Dinge lernen. Natürlich darf der Gruppe mal geholfen werden, doch viel sinnvoller ist es, die Gruppe darin zu fördern, selbst eine Lösung für ein Problem zu entwickeln, als alles auf dem Silbertablett zu servieren. Doch es gibt durchaus Situationen, in denen man als Gruppenleiter oder Spielleiter einschreiten muss. Besonders dann, wenn ein Teilnehmer eine Grenze überschreitet und dabei sich oder andere gefährdet. Doch manchmal genügt es auch, wenn man am Ende Überschreitungen, Probleme, Herausforderungen in die Reflexion einbaut und nicht ständig ins Geschehen eingreift. Ein Ziel muss auch nicht erreicht werden. Auch bei unerreichten Zielen können die Teilnehmer wichtige Dinge lernen.

Behalte den Überblick!

Da sind wir schon bei einem weiteren Punkt. Als Spielleiter oder Gruppenleiter hast du eine wichtige Aufgabe: Beobachten. Als ich die Ausbildung zum Gruppenleiter Telematik im Zivilschutz machte, ging es um die einzelnen Rollen beim Leitungsbau. Zwei hatten jeweils die Aufgabe die Strasse zu sperren. Einer kümmerte sich um die Kabelrolle, ein anderer stieg auf die Leiter, um dann das Kabel auf über 5 Meter Höhe zu befestigen, dann gab es einen, der das Kabel mit einer langen Stange, jenem auf der Leiter reichte. Jeder hatte seine klare Aufgabe und alles musste im richtigen Moment erfolgen. Das Kabel durfte noch nicht gereicht werden, wenn die Strasse noch nicht gesperrt war. Das könnte lebensbedrohlich werden. Eine wichtige Aufgabe hat der Gruppenführer. Zum einen muss er die Nähe zum Team haben, er gibt schliesslich auch Anweisungen, wenn etwas vergessen geht. Auf der anderen Seite braucht er immer auch eine gewisse Distanz zur Gruppe. Meistens steht er auf der anderen Seite der Strasse um alles beobachten zu können.

Dieser Aspekt ist auch wichtig, wenn du die Aufgabe eines Spielleiters oder Gruppenleiters in der Jungschar übernimmst. Du brauchst den Überblick über das Geschehen. Das heisst du konzentrierst dich auf das beobachten und kannst wo nötig auch Anweisungen geben.

Diese Beobachtungen können dir bei der Reflexion helfen. Wenn du erlebnispädagogisch arbeiten willst, kann es nie schaden Stift und Papier (ein Notizbuch) bereit zu haben. Schreibe dir wichtige Dinge auf, die du dann bei der Reflexion ansprechen kannst.

Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung

Die Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung liegt bei der Reflexion in vielen Fällen meilenweit auseinander. Wenn ein Teilnehmer eine Grenze überschreitet, die der Gruppenleiter definiert hatte, kann es sein, dass der Teilnehmer das gar nicht wirklich wahrgenommen hatte. Es ist daher wichtig die wahrgenommenen Dinge anzusprechen und dennoch sich darauf gefasst zu machen, dass der Teilnehmer die Sache ganz anders wahrgenommen hatte. Vielleicht war ihm die Aufgabe nicht klar, sie ist nicht zu ihm durchgedrungen. Auch das sind wichtige Erkenntnisse in der Reflexions-Phase.

Das Johari-Fenster

1955 wurde von zwei amerikanischen Sozialpsychologen (Joseph Luft und Harry Ingram das Johari-Fenster entwickelt. Dabei geht es besonders um den sogenannten «blinden Fleck» im Selbstbild eines Menschen. Es gibt bei dieser Fensterdarstellung öffentliche und geheime/unbekannte Dinge.

Johari-Fenster (Quelle: Wikipedia)
  1. Dinge die mir und den anderen bekannt sind, sind natürlich öffentlich.
  2. Dann gibt es Dinge, die nennen wir unser Geheimnis. Sie sind zwar mir bekannt, aber meinem Gegenüber nicht. Erst wenn ich es preis gebe, wird es öffentlich.
  3. Dann gibt es Dinge, die sind weder mir, noch anderen bekannt. Das wären die gänzlich unbekannten Dinge.
  4. Und der vierte Bereich sind Dinge, die anderen bewusst, mir aber völlig unbewusst sind. Hier sprechen wir vom blinden Fleck.

Genau um diesen blinden Fleck geht es hauptsächlich beim Feedback. Ich habe bspw. die Angewohnheit, dass ich sehr viel «genau» sage. Mir war das eigentlich gar nicht bewusst. Erst als dies von anderen angesprochen wurde, drängte es in mein Bewusstsein. Was jetzt nicht heisst, dass ich das Wort «genau» nicht mehr nutze. Doch ich weiss jetzt zumindest, dass ich daran arbeiten kann, was mir vorher nicht bewusst war. Natürlich ist das nur eine Kleinigkeit, doch so gibt es viele Dinge, welche erst durch ein Feedback aufgedeckt werden können.

Nach Lösungsvorschlägen fragen

Liegt irgendwo ein Problem vor, kann es sehr hilfreich sein, die Gruppe oder auch einen einzelnen Teilnehmer nach Lösungsvorschlägen zu fragen. Die Reflexions-Phase ist eine gute Möglichkeit Lösungen zu erarbeiten, welche die Gruppe und die einzelnen Teilnehmer fördert.

Ich hatte einen Fall, da sind sich zwei Mädels in die Haare geraten. Eine Teilnehmerin ging weg und setzte sich trotzig ausserhalb des Spielfeldes hin. Die Blickrichtung weg vom Spiel. Irgendwann fing sie an wieder in unsere Richtung zu schauen. Dann kam sie zu mir und fragte, ob sie wieder mitspielen dürfe, das Spiel sei ja cool. Ich wollte damals als Spielleiter das nicht selbst entscheiden, weil die Gruppe eine Aufgabe zu bewältigen hatte und es um das ganze Team ging. Aber ich ging mit ihr zur Gruppe und fragte, ob sie wieder mitspielen dürfe. Die Gruppe bejahte und so spielte sie wieder mit. Es kam im Spiel auch zu keinem weiteren Vorfall mehr. Während der Reflexion fragte ich sie, wie sie in dieser Situation, in der sie vorher war, auch anders hätte reagieren können. Sie sagte zwei, drei Dinge und vor allem dass sie in diesen Situationen geduldiger werden müsse. Ich liess das so stehen und merkte in der kommenden Zeit, dass diese Selbstreflexion von dieser Teilnehmerin wirklich viel ausgelöst hatte. Ich habe in der ganzen nachfolgenden Zeit, nicht einmal erlebt, dass sich die beiden in die Haare geraten sind.

Dieser Vorfall zeigt mir, dass es absolut sinnvoll ist, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen selbst Lösungen erarbeiten zu lassen. Da bleibt viel mehr hängen, als wenn ich als Spielleiter ihnen eine Lösung präsentiere.

Keine Therapie

So wichtig wie ich die Reflexion auch erachte, wir befinden uns in der Jungschar und in der Erlebnispädagogik nicht im Bereich der Therapie. Es geht nicht darum, dass die Aktivitäten zu kurz kommen. Aus den Aktivitäten sollen lediglich die gemachten Erfahrungen in den Alltag transferiert werden. Die Aktivitäten bekommen einen pädagogischen Charakter. Das Hauptgewicht muss die Aktivität bleiben, sonst driften wir in den Therapie-Bereich ab und reflektieren jede erdenkliche, kleine Situation. Das ist nicht Sinn und Zweck. Es dürfen sehr wohl auch Aktivitäten unreflektiert durchgeführt werden. Es geht nicht um einen Zwang zur Reflexion, in vielen Fällen ist es gar nicht notwendig. Unmittelbarkeit ist zwar in manchen Fällen wichtig, weil dann die Erlebnisse noch präsent sind, es gibt aber auch die Möglichkeit am Abend den Tag zu reflektieren. Dann kann es Zeiten geben, da ist es gut, mal aus einer Aktivität heraus sich auf die sogenannte Meta-Ebene zu begeben und ein Problem aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Da ist vom Gruppenleiter oder Spielleiter auch mal Spontanität gefragt.

Fazit

In der Reflexion mit der Gruppe zusammen und nicht nur für uns Leiter, haben wir in der Jungschar ein grosses Potenzial, welches vielerorts nicht ausgeschöpft wird. Die Qualität gerade in pädagogischer Hinsicht könnte sehr stark zunehmen, wenn wir anfangen Reflexion als wichtigen Teil zu betrachten, diese Zeiten dabei kreativ gestalten und gezielt oder nach Bedarf in unseren Programmen einsetzen.

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