Das Gute breitet sich nicht automatisch aus. John Mark Comer schreibt in seinem Buch «Live No Lies», dass unsere Seelen in einem Krieg stehen. Sein Anliegen ist es, ganz praktisch zu zeigen, wie Lügen überwunden werden können. Ein Vorwort von Johannes Hartl – Gründer des Gebetshauses Augsburg.

Das Jahr 2022, in dem dieses Buch auf Deutsch erscheint, wird als Zeitenwende in die Geschichte eingehen.

Durch den russischen Überfall auf die Ukraine wurde nicht nur die internationale politische Konstellation der Zeit nach dem Mauerfall radikal verändert, auch im Denken hat sich einiges gedreht. Mit der für Europa ungewohnten Kriegssituation wurde auf einmal common sense, was Denker früherer Zeiten für selbstverständlich erachteten: dass es Situationen gibt, in denen gegen das Böse gekämpft werden muss.

Völlig unabhängig von der politischen Einschätzung dieser Entwicklung der jüngeren Geschichte und der bleibenden Notwendigkeit für Christen, friedlich zu agieren und gegen Krieg aufstehen, zeichnet sich hier etwas Grundsätzliches ab. Toleranz, Demokratie und Freiheit können durch äußere Feinde bedroht sein und müssen im Zweifelsfall auch verteidigt werden.

Dass das Christentum eine Religion der Gewaltlosigkeit ist, ließ in den letzten Jahrzehnten einen wichtigen Aspekt zunehmend aus dem Blick geraten: dass es auch einen geistlichen Kampf gibt.

Tatsächlich sind die biblischen Metaphern und Gleichnisse, die Beispiele aus den Leben der Heiligen und die Weisheiten der spirituellen Theologie randvoll mit dieser eher unzeitgemäßen Erkenntnis. Dass sich das Gute eben nicht automatisch und immerzu organisch ausbreitet, sondern dass es umkämpft ist.

John Mark Comer kommt das große Verdienst zu, mit diesem Buch einem alten Thema neue Sprache verliehen zu haben.

Wenn irgendwer unverdächtig ist, altbacken, lebensfern oder moralinsauer über geistliche Themen zu schreiben, dann er.

Comer ist Millennial. Er schreibt über Entschleunigung, Achtsamkeit und Burnout. Er trägt fair gehandelte Kleidung und ist gegen Starkult. Und er lebt im hippen Portland, nicht in einem Kloster auf dem Berg.

Umso faszinierender ist die Klarheit, mit der er ausdrückt, was kaum noch gepredigt wird. Es geht um geistliche Disziplinen, um das Widerstehen gegen Versuchungen, den Kampf gegen den Teufel…Ohne jede Zögerlichkeit, dezidiert anti-mainstream zu klingen.

Der Verfasser dieser Zeilen sucht zusammen mit vielen jungen Menschen seit Jahren nach Formen intensiven geistlichen Lebens im Internetzeitalter in einer weniger hippen Stadt in Süddeutschland. Im Gebetshaus Augsburg wird seit über 10 Jahren bei Tag und Nacht ohne Unterbrechung gebetet.

Sollte ich die Erkenntnisse zusammenfassen, die sich im Laufe einer solchen Reise ansammeln, hätten sie viele Überschneidungen mit den Aussagen dieses Buches. Das Gebet und allgemein die Nachfolge Jesu lebendig zu halten, bedarf auch eines ständigen Kampfes.

Letztendlich gibt es meines Erachtens zwei große Fehlformen des geistlichen Lebens:

Die erste ist die gesetzliche, enge, leistungsorientierte, in der Gott nur daran interessiert ist, dass irgendwelche Ideale erreicht werden.

Die zweite ist die einer langweiligen Beliebigkeit, in der es um nichts wirklich geht, in der Gott ein harmloser aber durchaus langweiliger Zeitgenosse ist.

Comer zeigt uns einen dritten Weg. Wenn er von Gott spricht, dann spürt man ihm ab, dass er ihn kennt. Als den, der Leben schenkt, dem es um Herzensbeziehung geht, der radikal gut ist, der unsere Freiheit will und nicht sture Regelbefolgung.

Und zugleich ist sein Buch ein Weckrauf gegen einen faden spirituellen Pazifismus. Denn im geistlichen Leben gilt das, was auch sonst im Leben wahr ist: wofür man nicht zu kämpfen bereit ist, ist nichts wert.

Alles wahrhaft Edle, Große, Schöne und Gute steht in ständiger Auseinandersetzung mit dem Gemeinen, Niederträchtigen, Hässlichen und Bösen, das allzu oft einfacher und verlockender scheint.

Ja, mit Jesus zu leben darf etwas kosten. Ja, für die Wahrheit einzustehen kann bedeuten, Widerstand zu ernten.

Ja, unsere heutige Generation darf demütig die geistlichen Disziplinen wieder entdecken, die Generationen vor uns vorgelebt und uns überliefert haben.

Lügen gibt es in jedem Zeitalter zuhauf. Sie alle basieren auf der alten Lüge aus dem Garten Eden: dass die menschliche Autonomie nur losgelöst von Gott zu finden sei. Doch das exakte Gegenteil ist der Fall. Nur in seiner Gegenwart ist Frieden. Ein Friede aber, den es zu verteidigen und um den es zu ringen gilt.

Es ist die Wahrheit und immer wieder nur die Wahrheit, die frei macht.

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