Rebecca Krämer spricht mit Nicola Vollkommer über ihr Buch «Wenn Kinder andere Wege gehen», das sie gemeinsam mit Familienhelferin und Elterncoach Regula Lehmann verfasst hat.

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Rebecca: Wir wollen gleich tiefer einsteigen in dein Buch «Wenn Kinder andere Wege gehen», das du gemeinsam mit Regula Lehmann geschrieben hast. Du hast vier erwachsene Kinder – wie war das für dich, sie großzuziehen?

Nicola: Sehr abenteuerlich, nicht immer einfach. Manchmal hatte ich das Gefühl, egal, was ich mache, es ist falsch. Sehr viel Unsicherheit. Sehr viel: Mach ich das richtig, bin ich eine gute Mutter? Sehr viel Gnade Gottes. Ich hätte das für nichts anderes tauschen wollen. Im Nachhinein, wenn ich zurückschaue, denke ich, war das Kinder auf die Welt bringen und großziehen das Schönste, was man machen kann. Sehr viel Freude dabei, aber auch sehr viel Arbeit und Stress.

Das klingt ehrlich, aber es ist auch sehr schön, dass du das heute so sagen kannst. Es gibt diesen Spruch, den ihr auch in eurem Buch verwendet: «Als die Kinder klein waren, sprachen wir mit ihnen über Gott. Als sie größer wurden, sprachen wir mit Gott über die Kinder.» Warum glaubst du, ist das so? Was verändert sich denn in der Beziehung zu den Eltern, wenn die Kinder älter werden?

Ich denke, das sind ganz normale Prozesse, man muss nur darauf eingestellt sein. Es ist völlig normal, dass Kinder sich absetzen von den Eltern und ihre eigene Identität suchen. Sie wollen sich selber definieren und nicht an den Eltern definieren. Meine Überzeugung ist, dass es keine zerstörerischen Prozesse sein müssen. Man muss keine verbrannte Erde hinterlassen. Heutzutage ist es aber schwieriger als es früher war. Unsere Gesellschaft ist nicht so geordnet wie früher. Die herkömmliche Familienschiene ist nicht mehr selbstverständlich. Früher wurde man nicht als Kind gefragt, welchen Weg man gehen will. Die Überleben hing davon ab, dass die Bauernsöhne auch Bauern werden. Was natürlich alles Vor- und Nachteile hat. Man konnte nicht reisen und war den globalen Einflüssen nicht ausgesetzt wie heute. Und ich denke, eine christliche Erziehung ist, dass Kinder im Laufe der Jahre zu einer gesunden Mündigkeit kommen. Sich nicht einfach anpassen, sondern ihren eigenen Glauben finden – aber weil sie wollen und nicht, weil es ihnen aufgedrückt wird. Das ist das Ziel und auch der Wunsch von christlichen Eltern.

Was hat euch eigentlich dazu bewegt, diesen Ratgeber zu schreiben?

Die Idee kam von Regula Lehmann, von meiner Co-Autorin. Das ist ein Thema, das mich sehr bewegt. Mein Mann ist Mit-Ältester in einer Gemeinde und wir haben viele Jugendliche. Außerdem haben wir eigene Kinder. Also hatten wir viel mit diesem Thema zu tun. Was mich bewegt hat, dieses Buch mitzuschreiben, ist, dass ich im Reisedienst bin. Ich bin oft unterwegs, vor allem bei Frauentreffen. Ich bekomme viel Schmerz mit, was mit diesem Thema zu tun hat. Oft ist es ein Tabuthema. Man schämt sich, wenn die Kinder nicht auf der Spur bleiben. Ein Problem ist, dass wir als Christen sehr hohe Ideale aufgestellt haben. Wir haben viele Bücher über die Idylle einer christlichen Musterfamilie. In meiner Generation schien das ultimative Glück zu sein, dass alle Kinder singen, Instrumente spielen und brav in die Kirche gehen. Es gibt keine Pubertät und alle machen ihre Hausaufgaben und sehen gut aus.

Oft gibt es keine offene Kultur, wo man über solche Themen reden kann. Man schämt sich und fühlt sich als Versager in vielen Gemeinden, oder man fühlt sich disqualifiziert. Man hat dieses Bild von den anderen Familien, wo alles super läuft und es keine Probleme gibt – nur, weil sie auch nicht über ihre Probleme reden. Mir ist es ein Anliegen, dass wir ehrlich über diese Probleme reden. Und gleichzeitig war für mich die Frage, ob es nicht Wege gibt, dass wir als Christen die Chancen optimieren können, dass junge Menschen auch heute wirklich fröhlich und überzeugt ein christliches Leben leben wollen. Das ist das Spannungsfeld, in dem ich selbst drin lebe und arbeite. Ich dachte, es ist gut, dieses Thema zu erforschen und das als Buch herauszubringen. Es gibt nicht immer Lösungen, die leicht sind. Aber darüber zu reden ist schon mal eine Hilfe.

Ich denke, da ist euer Buch gut, um den Raum zu öffnen, dass sich Eltern wiederfinden in Geschichten. Ihr habt Interviews mit Eltern und ihren Kindern im Buch, die sehr ehrlich und authentisch sind. Willst du uns ein Beispiel erzählen, wen ihr interviewt habt?

Wir beide haben Leute aus dem Bekanntenkreis interviewt. Wir haben die Namen natürlich geändert als Schutz für die Identität. Nico ist ein klassischer Pastorensohn und ist quasi in der Gemeinde auf die Welt gekommen. Er hat alles mitgemacht und ist als Teenager komplett ausgebrochen. Einige Jahre lang hat er die andere Welt ausprobiert und ist wieder zurückgekommen. Ich wollte von ihm hören, was dazu geführt hat. Das ist eine sehr bewegende Geschichte. Eine andere Familie hat einige Kinder, die gläubig sind und in der Gemeinde mitarbeiten, doch ein Kind nicht. Ich frage sie, wie sie das als Familie leben, dass dieses Kind nichts damit zu tun haben möchte. Wie halten sie die Familie zusammen, dass es nicht peinlich wird? Sie haben es gut hinbekommen, dass er voll integriert ist in der Familie und sich manchmal anständiger verhält als die anderen. Trotzdem ist es wichtig, den Glauben festzuhalten. Diese Familie bekommt diese Spannung sehr gut hin […]

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