Dominik Klenk unterhält sich mit Johannes Hartl über Lebenslügen unserer Zeit, über die Wahrheit, die etwas kostet, und über «Live No Lies» – das neue Buch von John Mark Comer.

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Dominik: Wir leben in spannenden Zeiten. In Zeiten, in denen Dinge wie Verunsicherung, Rezession, Inflation eine Rolle spielen. Wir haben schon zwei nicht ganz einfache Jahre mit Corona hinter uns und jetzt einen Krieg vor der Brust. Wie erlebst du diese Monate? Wie würdest du die Färbung dieser Monate einfangen?

Johannes: Ich erlebe es als eine Zeit von unglaublichen Umbrüchen und auch von Ungewissheiten, wo alte Sicherheiten erschüttert werden und eine neue Sicherheit noch nicht da ist. Das würde ich so überschreiben. Auch Allianzen brechen. Das ist auch politisch total interessant! Auf einmal sind die Grünen für Waffenlieferung und die Linken streiten sich über alle möglichen Themen, wie die Gender-Themen, die quer durch die Parteien gehen. In den Kirchen ist es genauso. Es ist ein Sich-neu-Sortieren, ohne dass eine Ordnung schon erkennbar wäre.

Also ein Bruch mit alten Institutionen und mit Landkarten, die uns vielleicht über viele Jahre vertraut waren, und jetzt merkt man: Es ändert sich etwas Großes, aber das Zielfoto ist noch schwer zu erkennen.

Ja, und Unsicherheiten. Wer erinnert sich an eine Zeit, wo wir uns überlegen: Können wir noch heizen? Können wir noch was zahlen? Wir haben Krieg in einem nah benachbarten Land. Das hört sich nach tiefem 20. Jahrhundert an, und jetzt haben wir 2022. Ich glaube, das hat keiner geahnt. Ich zumindest nicht.

Wir sprechen heute mit einem unsichtbaren Dritten hier im Talk, nämlich mit John Mark Comer. Er ist ein großartiger Millennial und Influencer aus dem hippen Portland. Er sagt: «Der Krieg, in dem wir stehen, ist im tieferen Sinne kein Krieg der Bomben und Raketen, sondern ein Krieg gegen Menschen, es ist ein Krieg gegen die Lüge.» Hier kommt der Philosoph zum Zuge. Du bist selber Philosoph – wie kannst du das fassen? Was sagt dir dieser Satz?

Wenn ich Comer richtig verstehe, meint er damit nicht in erster Linie den diskursiven Raum einer Gesellschaft. Da könnte man auch sagen, da fällt es uns heute im Zeitalter von Fake News, aber auch von Cancel Culture und extremem Relativismus immer schwerer, von so etwas wie Wahrheit zu sprechen. Comer geht eine Spur tiefer und verfolgt ein urphilosophisches Anliegen, das eher so auf die Ebene von Platon und Sokrates geht, zu sagen: Völlig unabhängig davon, was da draußen regiert, was leitet mich eigentlich an? Lebe ich persönlich in der Wahrheit oder in der Lüge? Er greift dabei die klassische aszetisch-mystische Tradition der Spiritualität auf zu sagen: Alle Kriege im Außen, auch alle gesellschaftlichen Unruhen im Außen haben ihre Entsprechung im Inneren des Menschen. Ich glaube, es ist sogar soziologisch wahr, dass man sich überlegt, warum Menschen überhaupt Kriege anfangen. Das fällt nicht aus heiterem Himmel. Es ist aber auf jeden Fall psychologisch wahr. Was ich persönlich über mich für Wahr halte, was mein Leben im Letzten ausmacht, hat ein Gewicht, das sich nach und nach im Außen manifestiert. Und Comer schreibt, ich finde auf eine sehr gewinnende Weise, über dieses alte Thema des inneren, geistlichen Kampfes in einer neuen Sprache.

Comer sagt an einer zentralen Stelle: «Wir lassen heute mehr und mehr falsche Narrative über die Realität unseres Lebens in unseren Körper hinein und das verursacht Chaos in unseren Seelen. Es ist ein Kampf um unsere Seele.» Geht es bei unserer Gesellschaft als Burnout-Gesellschaft, Ermüdungsgesellschaft und Erschöpfung um eine seelische Wahrnehmungskraft, die uns abhanden kommt oder unter Beschuss steht?

Absolut. Wenn du eine Burnout-Gesellschaft zitierst, das ist ein Buch von Byung-Chul Han, diesem wunderbaren koreanischen Philosophen, der in Berlin lehrt. Er sagt: Wir haben ein Ich-Subjekt, eine Vorstellung von einem Ich in der heutigen Zeit, das sich durch Leistung konstituiert. Leistung nicht nur im kapitalistischen Sinne, aber Leistung in einer ständigen Selbstperformanz. Ich muss hip sein, ich muss cool sein, ich muss Sachen kaufen, ich muss um die Welt reisen, erotische Abenteuer haben oder mich ins pralle Leben stürzen, um mich überhaupt noch zu spüren. Was dann als Selbstverwirklichung verkauft wird, ist im Letzten Selbstausbeutung, wo das eigene zerbrechliche Innen geknechtet wird im Dienst eines Ideals. Das wäre psychologisch oder philosophisch gesprochen. Comer würde weitergehen und mit der spirituellen Tradition sagen: Du dienst einem inneren Götzen! Du läufst einem Götzen nach im Namen einer Lüge. Die Lüge wäre zum Beispiel: Ich bin nur was, wenn ich mich toll spüre und authentisch ausdrücke – eigentlich dieses pseudoauthentische Ich-Narrativ, das Menschen zu so etwas treibt […]

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