Manche Menschen sagen, sie hätten keine Sehnsucht, die sie um- oder wenigstens antreibt. Ich glaube das nicht so richtig. Mir kommt es eher so vor, als sei da eine Ursehnsucht, die uns tief verbindet. Sie äußert sich nur sehr unterschiedlich: in dem dringenden Wunsch nach dem schnelleren Auto oder dem ultimativ-erholsamen Urlaub, nach einer Garderobe, die wirklich meinen erlesenen Geschmack ausdrückt, danach, dass jeder, der mich sieht, mich auch erkennt, nach der nächsten Beförderung, der anhaltenden finanziellen Sicherheit, der optimalen Wohnung, dem perfekten Gespräch, dem gesündesten Körper, dem Menschen, der einen immer versteht, dem ersten oder nächsten Kind, der sportlichen Höchstleistung, dem guten Abitur, dem neuen iPhone oder schlicht in dem Wunsch, dass mir alle meine Ruhe lassen.

Diese Wünsche sind offensichtlich nicht alle gleich deep, und sie erscheinen uns auch unterschiedlich gerechtfertigt, aber ich glaube, dass sie eines gemeinsam haben: Sie entstammen eben dieser tiefen Sehnsucht, nämlich der nach dem vollendeten Angekommensein. Und wenn wir sie nicht einordnen, fressen unsere Wünsche uns auf: Wir brauchen nicht unbedingt ein schnelleres Auto, um glücklich zu sein, aber verstanden werden müssen wir alle. Selbst das kann zum Abgott werden. Kein Mensch versteht einen immer, und das Verlangen danach wird schnell zur Zumutung.

Es gibt nur einen, der die Sehnsucht wirklich zur Vollendung führen kann, und das ist unser Erfinder. Der uns gemacht hat, um in der Fülle der Liebe der Dreifaltigkeit zu leben. Da sind wir dann ganz angekommen. Da fehlt dann nichts mehr, denn dafür sind wir erschaffen – für die perfekte lovestory. Das ist auch der Grund, warum in Kirchen so viel gesungen wird. Musik ist ein Vorgeschmack auf dieses Versinken in Gott. Deshalb ist es auch wichtig, ihn zu loben. Nicht weil er so egozentrisch ist. Sondern weil das Loben uns richtig ausrichtet und glücklich macht und wir dabei irgendwie in Gott eintauchen. – Übrigens liegt da auch die Wurzel eines der katholischen dirty secrets, das unsere evangelischen Kompagnons in der Regel befremdet: Für Maria singen ist krass erfüllend. Man dringt dabei noch tiefer ein in die Verehrung Gottes. Wir finden ihn so verehrungswürdig, dass wir sogar das Herz ehren, unter dem er getragen wurde. An diesem Herz und seiner Besitzerin wird die Größe der menschlichen Berufung besonders deutlich. Was Gott uns zutraut und wo er uns haben will – ganz nah bei ihm aufregende Missionen erfüllend. Alles andere ist unbefriedigend und wird es immer bleiben. Es kann uns freuen und weiterbringen, aber wenn es unser höchstes Ziel wird, zerstört es uns. Nur die Zärtlichkeit Jesu ist wirkliches Zuhause.

Katharina wurde, wie die meisten von uns anderen auch, von ihren Sehnsüchten manchmal geknechtet. Das Ankommen ist ihr nicht leichtgefallen. Mir auch nicht. Das hat aber andere Gründe: Während Katharina (wahrscheinlich sich und manchen anderen) zeigen wollte, dass sie auch die größten Modehäuser der Welt dirigieren könnte, will ich eher wissen, was an jedem Tag in den nächsten zehn Jahren passiert, damit ich es gut vorbereiten kann – sodass ich also alles unter meiner Kontrolle habe. Gott versteht beide Bedürfnisse, aber er wäre nicht ein liebender Vater, wenn er uns nicht die Chance geben würde, über sie hinauszuwachsen.

Wir existieren nicht, um jemandem etwas zu beweisen, nicht mal uns selbst. Unsere Komplexe sind keine guten Ratgeber. Und Kontrolle lädt uns nicht nur Verantwortung auf, die wir nicht tragen können und die uns daher knechtet – sie ist auch eine Illusion.

Ich bin überzeugt, dass Gott für jeden von uns eine eigene Mission hat und dass keiner von uns fehlen darf in seinem Plan. Wir sind nicht aus Versehen hier, und wir sind auch nicht zufällig mit unseren speziellen Gaben und Sehnsüchten ausgestattet. Wir sind für das Gute geschaffen (aber frei, uns gegen das Gute zu entscheiden). Einen Fünfjahresplan für unser gutes Leben kriegen wir allerdings nicht vorgelegt. Das ist wahrscheinlich der cleveren Pädagogik Gottes geschuldet. Ich weiß, dass ich das eigentlich Relevante aus den Augen verlieren würde, wenn ich einen Fünfjahresplan hätte – nämlich die ganzen kleinen Momente des Alltags – die «Jetzte»: spontane Gespräche mit Obdachlosen zum Beispiel, die keine Sau bemerkt, außer dem Obdachlosen und einem selbst. (Und in meinem Fall noch alle Menschen, die ich kenne, weil ich die Schnauze nicht halten kann und jede bewegende Begegnung direkt im Anschluss zwanghaft allen auf die Nase binden muss.)

Das große Missverständnis bezüglich Gottes Führung ist die Erwartung, dass man hier auf der Erde irgendwann dauerhaft an den Punkt kommt, wo man denkt:

«Cool, alles geklärt, alles erledigt, fleißig gewesen, verdient, was mir zusteht, keine weiteren Fragen, keine Unsicherheiten, keine Herausforderungen – ich bin so krass angekommen.» Es gibt diesen Frieden, der höher ist als alle Vernunft, aber der heißt so, weil es der Vernunft nach lebenslang immer neue Gründe gibt, sich zu sorgen oder unsicher zu sein.

Für diesen Frieden muss man loslassen. Ich habe das geliebt an Katharina. Immer wieder konnte man ihr beim Loslassen zuschauen. Wir haben es beide versucht. Uns nicht an unseren Wünschen festzukrallen. Und wir haben beide immer total gern laut gesungen, das hilft dabei. Diese großen alten Hymnen, in die man sich ganz reingeben kann, wenn man sie aus vollem Herzen singt. Wenn ich «In Christ Alone» höre oder «Take my Life and let it be», ist meine Sehnsucht nach der Katharina so groß, dass ich’s kaum aushalte.

Wenn man sich das wie Katharina traut, das Loslassen, passiert etwas sehr Aufregendes: Man entwickelt sich. Es ist enorm ermutigend, wenn man zuschauen kann, wie die Schwächen bei den anderen schwächer werden und ihre Stärken mehr Platz haben. Wenn du bereit bist, Gott an dich ranzulassen und deinen Plan aufzugeben – was immer wieder eine krasse Überwindung bedeutet –, dann bleibst du nicht immer der gleiche Choleriker, Trübsalblaser, Pornoabhängige oder Lügner.

Ich kann’s nicht leiden, mich infrage stellen zu lassen, da war Katharina mir besonders weit voraus, aber ich weiß, dass sogar das, was mir an mir selbst besonders tugendhaft erscheint, gelegentlich ein echtes seelisches Handicap ist. Bei Gott ankommen heißt, dass er mich genau da abholt, bei meinen Kurzsichtigkeiten, und dass er die immer wieder auch einfach mit Gold überzieht, wenn ich es vermassle, aber aus meinem Fehler etwas Gutes entsteht. Ich glaube, das krasseste Gold, das ich je gesehen habe, ist dieser Satz aus Katharinas Nachricht von oben:

… ich habe eine tiefe Gewissheit, dass es gut wird. Ich glaube an Heilung, aber auch wenn nicht, so wird es gut. 

Sie hat so viel gesucht nach dem Angekommensein, und dann hat sie es da gefunden, wo es eigentlich nicht hingehört: trotz lauter ungeklärter essenziellen Fragen, in Schmerzen, nachts allein in einem Krankenhausbett, mit der völlig fehlplatzierten, aber zuverlässig auftretenden Frage, ob man selbst versagt habe – da war auf einmal, wenigstens in diesem Moment, nur noch Frieden.

Ich glaube, das Angekommensein hat viel zu tun mit dem Annehmen vom Harten, von dem, was man sich nicht ausgesucht hat.

Ausschnitt aus: „Zartheit und Krawall“ von Anne Fleck (S.31–36)

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