Franziska Klein ist Freundschaftsexpertin. Sie kennt die Schönheit, aber auch die Herausforderungen und Grenzen wahrer Freundschaften. In diesem Beitrag teilt Franziska sechs Dinge, die sie als hilfreich empfindet auf dem Weg, eine bessere Freundin bzw. ein besserer Freund zu werden.

Wir sehnen uns nach tiefgehenden Freundschaften und merken, dass wir es oft nicht so hinkriegen, wie wir sie uns wünschen. Wir enttäuschen uns selbst und andere. Doch Freundschaft kann man lernen und Freundschaft hat Potenzial, mehr Potenzial als wir ihr zutrauen. Das wussten auch schon die Schreiber alttestamentlicher Weisheiten. Im Buch der Sprüche in der Bibel finden wir rund um das Thema Freundschaft ein paar wertvolle Tipps, die wir in der heutigen Zeit neu entdecken und davon profitieren können.

1. Gib nicht gleich auf, wenn es schwer wird.

Während wir für die Ehe die Treue „in guten wie in schweren Tagen“ versprechen, dominiert für Freundschaften heutzutage das Gefühl, dass Freundschaft vor allem Spaß machen soll.  Denn warum in einer Freundschaft bleiben, wenn sie nicht mehr locker und leicht von der Hand geht? Warum bleiben, obwohl man nicht muss? In Sprüche 17, 17 heißt es zwar, dass „ein Freund zu jeder Zeit liebt und sich in der Not als treu erweist“, aber im Alltag zerbrechen Freundschaften häufig an ihren Herausforderungen. In schwierigen Zeiten geht man nicht unbedingt in die Freundschaftsberatung oder nimmt Kosten und Mühe auf sich, um zu investieren. 

Ich sage das auch selbstkritisch, denn in meinem Leben sind Freundschaften neben anderen Gründen auch daran gescheitert, dass ich eben nicht zu jeder Zeit geliebt habe und „Not“ mich dem Anderen nicht nähergebracht, sondern weiter entfernt hat. Doch wenn wir zu schnell aufgeben, dann werden wir Freundschaft in ihrer tiefreichenden Schönheit auch nicht erleben. Denn Freunde, die sich in den Höhen und Tiefen meines Lebens als treue Weggefährten und Weggefährtinnen zeigen, sind wahre Schätze. Schätze, die auch für neue schöne und schwere Situationen des Lebens bleiben. Gemeinsam durchstandene Notsituationen können eine Verbundenheit und Vertrauen schaffen, die in Freundschaften, die sich nur zum Kaffeetrinken treffen, kaum erreicht werden.  Die Frage, die sich stellt, ist nicht nur, ob du solche Freunde hast, sondern, ob du selbst ein solcher Freund oder Freundin bist?

2. Sei bereit schnell zu vergeben

„Es ist doch immer das Gleiche mit dir.“ „Immer“ ist so ein Wort, das man in Freundschaften streichen sollte. Klar ist es nicht leicht, die kleinen und größeren Macken des anderen gut sein zu lassen. So schnell häufen sie sich an, sprießen wie kleine pieksige Unkrautgewächse um die Freundschaftsstaude herum und saugen den Saft, der sie am Leben erhält. Schnell kommt es vor, dass wir kollidieren – einander nerven oder verletzen. Es ist menschlich, kaum vermeidbar und passiert auch aufs Neue. Damit wir gut miteinander und beieinander sein können, braucht es eine großzügige Vergebungsbereitschaft. Das bedeutet weder Fehler nie anzusprechen, noch tiefere Verletzungen zu bagatellisieren, sondern es geht darum, was Freundschaft im Kern zusammenhält. In Sprüche 17,9 heißt es: „Wer Vergehen vergibt strebt nach Liebe, wer eine Sache aber immer wieder hervorholt, bringt Freunde auseinander.“ Die Liebe eines Freundes zeigt sich darin, wie mit meinen Fehlern und Vergehen umgegangen wird – sie nimmt Gutes von mir an und führt kein Buch über meine Fehler. Denn Vergebungsbereitschaft bedeutet, dass ich deine Fehler zwar sehe, durchaus auch anspreche, aber sie dir nicht bleibend vorhalte und anrechne. Ich befreie dich und du befreist mich, indem wir uns Vergebung zusprechen. Ich möchte in Freundschaften lernen, schnell zu vergeben, geduldig und großzügig zu sein und ich möchte bitteren Wurzeln an Vorhaltungen keinen Boden bieten. 

3. Sei vertrauenswürdig. 

„Freunde dich nicht mit einer wütenden Person an und umgib dich nicht mit jemandem, der schnell zornig wird.“ So heißt es in Sprüche 22,24. Freunde sollen Menschen sein, die zu dir stehen und denen du vertrauen kannst ­– das scheint offensichtlich. Wenn im Sprüchebuch der Tipp gegeben wird, dass man sich nicht mit einer „wütenden Person“ umgeben soll, dann ist das ein Hinweisschild, eine „Red Flag“ für ein tieferliegendes Problem. Ein jähzorniger Charakter kann mit einer Bombe mit kurzer Zündschnur verglichen werden, die jeden Moment explodieren könnte und in ihrer nächsten Umgebung Schaden anrichtet. Jeder, der zu nahe kommt, wird dann verletzt werden. Menschen, die wie Tretminen explodieren, wenn man mit ihnen in Berührung kommt, sind das Gegenteil von vertrauenswürdig. Freundschaften sollten Orte sein, wo ich mich sicher fühlen darf und nicht die Angst herrscht, dass der andere hochgehen könnte. Nicht zu wissen, woran man ist und in Unsicherheit zu leben, liefert einen der Willkür anderer Menschen aus. Das lässt Verunsicherung und Misstrauen wachsen und eignet sich nicht als Fundament für eine starke und verlässliche Freundschaft. Es braucht in Freundschaften das Vertrauen, dass ich mich zumuten darf. Mit meinen Schwächen, aber auch mit meinen Stärken. Es braucht Sicherheit, dass ich weiß, woran ich bei dir bin, sodass ich vertrauen kann. Lasst uns einander Sicherheit geben, damit die Worte des Anderen/Gegenübers bei uns gut aufgehoben sind.

4. Respektiere Grenzen.

Eine meiner langjährigen Freundinnen war bei mir zu Besuch, als sie mich fragte, ob sie mein Ladegerät verwenden dürfte, um ihr Handy aufzuladen. Klar, darf sie. Mir lag noch ein „Kannste auch einfach nehmen, da musst du gar nicht fragen“ auf den Lippen, aber ich verkniff es mir. Die Wahrheit ist, dass ich es sehr wertschätzend fand, dass sie es nicht als selbstverständlich ansah und nachfragte, bevor sie es nahm. Das mag eine Kleinigkeit sein, und Selbstverständlichkeiten mögen sich in unserem Empfinden unterscheiden. Was wir allerdings alle gemeinsam haben, ist, dass wir irgendwo Grenzen der Selbstverständlichkeit haben und uns alle nicht gern ausnutzen lassen. In Sprüche 25,17 steht: „Setze den Fuß selten in das Haus deines Nächsten, damit er deiner nicht überdrüssig wird und anfängt dich zu hassen.“ Hierin liegt die Weisheit, dass wir gerade auch in unseren engen Beziehungen Grenzen respektieren und Großzügigkeit als Geschenk und nicht als Selbstverständlichkeit sehen. Grenzüberschreitungen können unterschiedlich aussehen, weil unsere Grenzen unterschiedlich gezogen sind. Jedoch fühlen wir, wenn sie bei uns selbst überschritten werden, denn in der Regel produzieren sie Ärger. Freundschaften leben auch von Respekt, von Wertschätzung und Achtung, dem Wahren des Geheimnisses der anderen Person. Wir besitzen einander nicht, können nicht wissen, was der andere immer denkt und fühlt und bleiben darauf angewiesen, dass wir einander in unsere Seelen einladen und wieder verabschieden. Es gibt kein Recht auf Freundschaft, kein Recht auf Intimität. Sie ist ein Geschenk, das ich mir nicht nehmen, nicht einfordern, sondern nur empfangen kann.

5. Sei kritikfähig.

Lässt du dir gern etwas sagen? Eine weitere Weisheit im Sprüchebuch lautet: „Die Wunden durch einen Freund sind vertrauenswürdig“ (Sprüche 27,6). Das klingt zunächst einmal paradox, wachsen wir doch damit auf, dass das, was sich gut anfühlt, auch gut sein muss und das, was mich verletzt, nicht gut sein kann. Diese Spruchweisheit sägt an dem Konstrukt und möchte unsere dünnhäutige Illusion platzen lassen. Der Fokus liegt nicht auf der zugefügten „Verletzung“, sondern auf der Person, von der sie ausgeht. Entscheidend sind die Absicht und die Beziehung. Der wahre Freund ist an meiner Entwicklung interessiert, möchte mich nicht in meinen Fehlern und in Sünde lassen, sondern mir helfen. Wenn er mich korrigiert, dann fühlt sich das in dem Moment dennoch nicht schön an und mag mich manchmal auch wirklich treffen. Das ist vergleichbar mit Arztbesuchen, die weh tun, mich aber langfristig gesund sein lassen.  Sie fühlen sich nicht gut an und sind es doch ultimativ, weil sie aus Liebe kommen und zu Veränderung und Liebe führen. Also nicht jeder Schmerz ist schlecht und nicht jedes Kompliment gut. Es braucht das Sehen der Absicht und das Annehmen ihrer. Wohl uns, wenn wir uns bei dem „Schlag“ eines Freundes nicht für immer beleidigt zurückziehen. Wohl uns, wenn wir um die erprobte Vertrauenswürdigkeit der Freunde wissen. Wohl uns, wenn wir unseren Wert nicht davon abhängig machen, Hauptsache Lob und Anerkennung zu bekommen. 

6. Such nicht deinen eigenen Vorteil.

„Wie Eisen Eisen schärft, so schärft ein Freund einen Anderen“ (Sprüche 27,17). Wenn Eisen auf Eisen trifft, passiert etwas – es entsteht eine scharfe Kante, es wird etwas geschliffen und es sprühen Funken. Das passiert nicht, wenn man sich mit Freunden nur zum Kaffee oder zum Joggen trifft. Das passiert, wenn wir einander nahekommen, mit unseren Meinungen aneinandergeraten und unsere Persönlichkeiten und Eigenschaften ungeschliffen aufeinandertreffen. In diesem Bild soll das Eisen gar nicht abgeschliffen werden, sondern es dient dazu, dass neue Kanten und Formen geschmiedet werden. Oft geraten wir in Freundschaften gar nicht an solche Punkte, weil wir uns vor der Konfrontation oder der Ablehnung fürchten. Ich sage das nicht aus der Distanz, sondern, weil ich selbst so oft versuche, meine Kanten und Ecken abzuschleifen, damit es erst gar nicht zur Reibung kommen kann. Doch das Bild hier ist absolut positiv, denn es führt uns das Potenzial von Freundschaft vor Augen. Freundschaft kann dazu beitragen, dass der Charakter geformt wird, dass wir dem Ziel näherkommen, dass wir reife Menschen werden. Freundschaft kann dabei helfen, dass wir für die Höhen und Tiefen des Lebens besser gewappnet sind. Freundschaft bringt uns weiter, wenn wir die konstruktive Kritik annehmen und die Energie nutzen, die bei der Reibung entsteht. Wo Freundschaft dazu beiträgt, dass zwei Menschen sich gegenseitig zu besseren Menschen machen, kommt Freundschaft an eines seiner Ziele.

Fazit

Es geht nicht darum, alle Punkte kontinuierlich richtig zu machen oder den Fokus darauf zu legen, das eigene Freundschaftsverhalten zu perfektionieren. Die Wahrheit ist, dass ich selbst in allen sechs Punkten auch immer mal wieder scheitere. Ich gebe manchmal auf, bin manchmal nicht dazu bereit, schnell zu vergeben, oder ich nehme Kritik falsch auf. Freundschaft zu lernen heißt nicht, dass man alles auf einmal können muss. Es geht vielmehr darum, sich zu trauen hinzuschauen, wo man nicht die Freundin oder der Freund ist, der man sein möchte. Freundschaft zu lernen heißt, dass man immer mal wieder innehält, reflektiert und sich neu ausrichtet. Diese Tipps können bei deiner Neuausrichtung kleine Wegweiser sein, um zu erleben, wie sich deine Freundschaft positiv verändert, wenn du neue Schritte wagst.

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