Wer in die Natur schaut, sieht, dass sie Jahreszeiten kennt und nicht immer nur blüht. Die Aufs und Abs im Leben haben einen Rhythmus, der sich auch in unserem eigenen Leben wiederfindet – auch, wenn wir das manchmal nicht wahr haben wollen. Sarah Marie ist Spoken Word Künstlerin und teilt ihre Gedanken darüber, warum wir uns wie Blumen fühlen dürfen.

Wenn ich mein eigenes Schreiben beobachte, bemerke ich immer wieder, wie ich zu einer bestimmten Metapher greife. Ich liebe Blumen, stelle sie mir auf Tische und Fensterbänke, wähle sie als Muster von Blusen und Kleidern – und nun stelle ich fest: Auch als Inhalt meiner Zeilen. Ich sag die Dinge gerne «durch die Blume» – wenn man so will.

Ich habe mich gefragt, woran das liegt. Der schlichteste, wohl auch ehrlichste Grund ist der, dass Blumen mich schon immer mit Freude erfüllt haben. Sie beschenken Gärten mit Farbe und Räume mit Herzlichkeit. Sie sind so wunderschön anzusehen, und doch so unerzwungen hübsch – natürliche Schönheiten, kann man wohl sagen. Ich glaube, ich wäre gerne eine menschliche Blume: Unaufdringlich, freudeschenkend, wohlriechend und an das Schöne im Leben erinnernd. Und so kleide ich meine Gedanken gerne in sie.

Vergangenes wird wieder erwachen

Was ich an Blumen auch mag, so tragisch es auch ist, ist ihre Vergänglichkeit. Sie tanzen mit den Jahreszeiten: Je nach Art lassen sie sich vom Frühling wachküssen, von der Sommersonne verwöhnen aber eben auch ermüden, sie vergehen mit dem Herbst und erlauben unseren Herzen im Winter, ein wenig Sehnsucht nach der Farbenfreude der letzten Monate zu spüren. Sie bleiben nicht. Aber sie bleiben auch nicht für immer fort. Sie schenken alljährliche Wiedersehensfreude, und satt wird man sie somit nie! Ich zumindest nicht 🙂

Mir schenkt das so viel Hoffnung, weil es mir zeigt, wie natürlich die Aufs und Abs und Blütezeiten und Wartezeiten unserer Leben sind. Wie die Blumen, habe auch ich als Mensch Lebensphasen, in denen ich in voller Pracht stehen darf, und vermeintliche Dürrezeiten – die aber kein Ende, sondern nur die Vorbereitung auf einen neuen Frühling, ein ganz frisches Erblühen, bedeuten. Als Menschen möchten wir das Leben so gerne linear sehen: Immer schneller, höher, weiter. Und so versagen wir uns, dass wir auch die vermeintlich negativen Emotionen fühlen dürfen, auch die Täler durchschreiten müssen. Sieht man den Kreislauf aber wie den einer Blume, dann wird das Tal zum Grund für Vorfreude: Es ist weder Ende noch Fehler, sondern Teil unserer Natur und Teil unseres Werdens. Die Dunkelheit ist nicht das Ende, sondern der Anfang des Erblühens!

In meinem Buch „himmelhochjauchzend gedankenvertieft“, habe ich mal versucht, diese Gedanken in ein Gedicht zu packen:

Blütezeit

Du liegst nicht begraben
Du bist gepflanzt
Du stehst nicht im Regen
Du wirst gegossen
Du stößt dir nicht den Kopf
Du stößt vor Richtung Licht
Das hier ist kein Beton
sondern Erde
Weich und beweglich
So wie du
Und ich sehe dich
Knospen bilden
Du bist nicht kläglich
Du bist genau richtig
Und machst dich bereit
für deine Blütezeit
Sarah Marie, aus: himmelhochjauchzend gedankenvertieft, LAGO Verlag, S.45

Man kann die Dinge so sehen – oder so. Aber ist diese nicht eine viel mutmachendere Perspektive? Wir sind am Werden, und der Durchbruch ins Licht steht festgeplant bevor – ganz zu seiner Zeit.

Vielleicht wirkt das ein bisschen aus der Luft gegriffen. Aber ich bin nicht die einzige, die gerne Mal die Parallele zur Blume aufgreift. Schon in Lukas 12 lesen wir: «Seht die Lilien, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch aber, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras, das heute auf dem Feld steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, wie viel mehr wird er euch kleiden, ihr Kleingläubigen!» (Lukas 12,27–28).

Sommer- und Winterblumen

Am Anfang dieses Textes habe ich geschrieben, dass ich gerne eine menschliche Blume wäre. Und nun darf ich sogar feststellen, dass du und ich noch so viel mehr als das sind! Gott kümmert sich um uns wie ein liebevoller Gärtner. Jeder Mensch bekam einen einzigartigen Anstrich: innerlich wie äußerlich. Damit meine ich: Wir sind nicht nur mit verschiedenem Äußerem beschenkt, sondern auch innerlich verschieden strukturiert: Manche Menschen erblühen in Stresssituationen, andere gehen in ihnen ein. Manche Menschen wachsen hoch hinaus, andere halten sich zurück, zeigen ihre Schönheit nur zögerlich und doch so sichtbar für jeden, der sich Zeit nimmt, hinzusehen. Manche von uns blühen da, wo sie Gesellschaft finden, und andere dort, wo sie ihre Ruhe haben. Pink, gelb, pieksig, glatt, rund, länglich … Wir alle sind verschieden, doch wir alle sind gewollt. Wir alle florieren in verschiedenen Umgebungen, aber in genau diesen (all diesen!) versorgt Gott uns treu.

Fakt ist, dass wir alle Zeiten des Wachstums, des Erblühens, des Vergehens und des Ruhens kennen müssen. Sie sind Teil der Schöpfung, wie wir es sind: Der Tag zeigt sich und neigt sich, das Meer hat Ebbe dann Flut, die Pflanzen heben sich, zerfallen dann und beginnen von vorne. Damit sind unsere ruhigen, vielleicht auch schweren Tage nicht zu verachten oder gar zu fürchten, sondern zu akzeptieren und als Teil unserer Geschichte anzuerkennen. Anstatt mit uns und unseren Gefühlen zu hadern, dürfen wir um Gottes Liebe und Fürsorge wissen, und aus seinem lebendigen Wasser schöpfen – wie eine Blume, die von der bestmöglichsten Quelle genährt wird.

Gottes Treue kennt kein Vergehen

Übrigens, wird die Blume in der Bibel noch an einigen anderen Stellen als Metapher verwendet. Unter anderem in Jesaja 40,8: «Das Heu verdorret, die Blume verwelket; aber das Wort unsers Gottes bleibet ewiglich.»

So wankelmütig unsere Seelen und Gefühle auch sein mögen, so rasant die Zeit in der wir blühen auch ist: Gottes Wort, Gottes Wahrheit, verblüht niemals. Entgegen Natur und Menschen steht Gott außerhalb der Zeit. Alles wird und ist und vergeht – aber er bleibt für immer.

In aller Vergänglichkeits-Romantik ist das meine große Zuversicht:
Ich blühe im Garten eines Gärtners, dessen Erfahrung unendlich, und dessen Gnade ewig ist. Ob ich bei ihm in voller Pracht stehe, oder eines Tages auch mal den Kopf hängen lasse: Ich überfordere ihn nicht. Er sieht mich, pflegt mich und freut sich an mir.

Gott der Wunder

Du bist ein Gott der Wunder
Wundersam und wunderbar
Wunderschöne Wunderwerke
Entstammen deinem Atem
Wunderlichter, Wunderkerzen
Zündest du am Himmel oben
Darum ist auch mein Wunder-Punkt
Bei dir gut aufgehoben
Sarah Marie, aus: himmelhochjauchzend gedankenvertieft, LAGO Verlag, S.51

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