Rebecca Krämer spricht mit Anne Fleck über ihr neues Buch «Zartheit und Krawall». Sie erzählt uns von ihrer verstorbenen Freundin Katharina, warum es in der tiefen Verzweiflung auch Hoffnung gibt, und wir hören ein Ausschnitt aus ihrem Buch.

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Rebecca: Hallo Anne. Ich freu mich sehr, dass wir uns heute unterhalten können. Du bist eine sehr inspirierende Person und hast einen wunderbar ehrlichen Schreibstil. Bevor wir zu deinem Buch kommen, würde mich interessieren: Warum bist du denn nach Wien gezogen?

Anne Fleck: Ich bin eigentlich aus Versehen nach Wien gezogen. Ich war fertig mit meinem Studium und hab gedacht: Entweder bleib ich in Berlin, wo ich studiert habe, oder ich gehe wieder näher zu meiner Familie. Und dann wurde mir eine vorübergehende Stelle in Wien angeboten. Weil sich kurz davor alle anderen Optionen zerschlagen hatten, hab ich gedacht, ich gehe 6 Wochen nach Wien. In der Vorweihnachtszeit mit Weihnachtsmärkten im Sissi-Paradies, das geht schon. Danach wollte ich etwas Ordentliches in Deutschland anfangen. Das ist jetzt fast 10 Jahre her und ich bin aus Versehen hängen geblieben. Die waren sau nett zu mir, und das sind sie nicht zu jedem, und dann konnte ich mich nicht mehr trennen.

Was würdest du deinen Freunden empfehlen, wenn sie zu Besuch kommen – was sollten sie auf jeden Fall sehen?

Das coole an Wien ist, dass man einfach rumlaufen kann und keinen Plan braucht, um die ganze Zeit schöne Dinge zu sehen. Wenn man in Wien unterwegs ist, muss man nicht gezielt von einem guten Ort an den anderen, sondern man kann einfach durch die Stadt flanieren und es ist schon total schön. Plötzlich stehst du vor der Hofburg und dann vor dem Stephansdom und da musst du gar nicht wahnsinnig viel organisieren und du hast es einfach schön. Ich lieb ganz arg das Kunsthistorische Museum. Manchmal geh ich dort hin, um mir eine halbe Stunde schöne Sachen anzuschauen.

Du schreibst gerne und machst dir viele Gedanken zum Leben, zur richtigen Deutung von christlichen Werten und grundlegend dem, was Nächstenliebe bedeutet. Solche Gedanken kommen nicht von ungefähr. Vor zwei Jahren hast du eine gute Freundin an Krebs verloren. Würdest du mir ein wenig davon erzählen, was damals passiert ist?

Die Katharina und ich waren super enge Freundinnen. Wir haben jahrelang, als wir beide noch in Berlin gewohnt haben, uns einmal die Woche getroffen, zusammen gebetet und gefrühstückt. Ich war auch ihre Trauzeugin. Wir hatten ein inniges, intimes Verhältnis. Irgendwann hat sie angerufen und mir erzählt, dass sie Brustkrebs hat und dass es eine aggressive Form ist. Für mich war damals völlig klar: Das ist jetzt eine schwere Erfahrung, aber eine, die einen weiterbringt, und dann wird sie geheilt. Am Anfang hatte ich auch Recht! Sie hatte dann eine brutale Chemo. Ein gutes halbes Jahr später war sie in Berlin in der Charité und sie haben alles auf den Kopf gestellt und es war alles weg. Es war ein totaler Triumph und auch ein bisschen ein Wunder. Ich habe aber auch damit gerechnet, für mich war klar: Die wird gesund. Ziemlich genau ein halbes Jahr später hat ihr Mann David mich angerufen und mir erzählt, dass Katharinas Kopf voller Tumore ist. Sie haben von Anfang an keine guten Prognosen gegeben und es ging ihr schnell immer schlechter. Ein viertel Jahr später ist sie gestorben.

Diese Diagnose von Katharina hat bei dir wahrscheinlich einiges ausgelöst. Kannst du dich daran erinnern, was dir damals durch den Kopf gegangen ist, als du die Diagnose gehört hast?

Es ist schwer zu beschreiben. Ich war einerseits super verwirrt. Als ich mit David gesprochen habe, war ich gerade in Italien im Urlaub. Ich war mit meinen Nichten und Neffen in einem Schwimmbad und es war sau laut und habe ihn nicht so gut verstanden. Ich habe die ganze Zeit gedacht: Vielleicht verstehe ich es falsch und es kann nicht sein. Oder er müsste die Ärzte nochmal fragen, weil er hat sicher was falsch verstanden. Das kann nicht die echte Geschichte sein! Und dann hat er angefangen zu weinen und ich habe erst gedacht, dass er lacht. Es war total surreal. Es hat eine Weile gedauert, bis es irgendwie überhaupt real wurde.

Wie bist du mit der Nachricht umgegangen, als es für dich real wurde?

Ich habe versucht, für sie zu beten. Aber ich habe gemerkt, dass ich das nicht richtig hinbekomme. Ich habe das irgendwie nicht ordentlich geschafft. Und ich bin so jemand, die regelmäßig betet und alles, was so ansteht, mit dem Herrgott bespricht. Aber das ging irgendwie nicht. Ich bin katholisch und habe dann gedacht, ich spanne den ganzen Himmel ein – nicht nur Gott, sondern auch die Heiligen. Und die sollen alle mitbeten. Ich habe mir eine Weile überlegt, ob ich mir einen besonderen Partner suche. Und dann hat mir eine Frau ein Video geschickt von einer jungen nordirischen Klosterschwester. Dann hab ich gedacht: Ich mache eine Pilgerreise! Dann kann ich was tun. Ich wollte unbedingt was machen, aber was kannst du für deine krebskranken Freunde, die tausend Kilometer weit weg sind, machen? Nicht viel. Und dann hab ich gedacht: Wenn ich so eine richtige Reise des Gebets mache zu dieser Frau, die ein paar Jahre vorher gestorben ist, dann kann ich irgendwas tun. Katharina war nicht katholisch und ich dachte, die sagt: «Du hast sie nicht alle! Das ist eine total wahnsinnige Idee.» Aber sie war sehr berührt und hat sich irgendwie gefreut. […] 

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